Im Rahmen des von der Kunststiftung NRW geförderten Forschungsprojekts Ruhrerbe 2.0 – Zwischenfall Strukturwandel laden Elisa Müller und Jonas Leifert zu einem weiteren öffentlichen Forschungstreffen über (De-)Industrialisierung, Erinnerungskultur und die fortbestehenden Folgen der Industrie im Ruhrgebiet ein.
Der Strukturwandel im Ruhrgebiet wird häufig als Geschichte einer erfolgreichen Transformation erzählt: Ehemalige Zechen und Industrieanlagen werden zu Kulturorten, Industriedenkmälern und Wahrzeichen einer Region, die ihre industrielle Vergangenheit bewahrt und zugleich eine neue Zukunft entwirft. Doch während die Geschichte von Kohle und Stahl zunehmend als kulturelles Erbe inszeniert wird, sind die materiellen, ökologischen und sozialen Folgen der Industrialisierung keineswegs verschwunden. Sie prägen weiterhin Landschaften, Infrastrukturen und alltägliche Lebensverhältnisse.
Vor diesem Hintergrund haben wir zu unserem zweiten öffentlichen Forschungstreffen Natalie Piekok eingeladen, die sich aus einer kritischen Perspektive mit der Geschichte und Gegenwart des Ruhrgebiets auseinandersetzt: Ausgehend von der Geschichte der Emscher, die im Zuge der Industrialisierung zu einem offenen Abwassersystem umfunktioniert wurde, richtet sie den Blick auf die materiellen Hinterlassenschaften der Extraktion und ihre Einschreibungen in Landschaften, Körper und alltägliche Lebensverhältnisse. Dabei untersucht sie auch die historischen Verbindungen zwischen Umweltverschmutzung, sozialer Ungleichheit und rassistischen Zuschreibungen. Die Geschichte der Emscher zeigt, wie eng die industrielle Entwicklung der Region mit der ungleichen Verteilung von Umweltbelastungen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen verbunden war und bis heute ist.
Gemeinsam möchten wir das Verhältnis zwischen der kulturellen Aufwertung der industriellen Vergangenheit und ihren fortbestehenden gesellschaftlichen und ökologischen Folgen diskutieren. Während ehemalige Industrieanlagen als identitätsstiftende Orte erhalten und zu kulturellen Wahrzeichen umgestaltet werden, bleiben andere Spuren der Industrialisierung, etwa die sogenannten Ewigkeitslasten des Bergbaus, die Verschmutzung von Landschaften oder die Geschichte migrantischer Arbeiter*innen und ihrer Lebensbedingungen, häufig weniger sichtbar. Was bedeutet es, die industrielle Vergangenheit als abgeschlossenes Kapitel zu erinnern, wenn ihre Folgen weiterhin gegenwärtig sind?
Nach einer kurzen Einführung in das Forschungsvorhaben von Elisa Müller und Jonas Leifert gibt Natalie Piekok Einblicke in ihre Perspektive. Im Anschluss öffnen wir die Runde und diskutieren gemeinsam. Das Treffen ist als ein offener Forschungsmoment mit weiteren eingeladenen Kolleg*innen aus der Region und der interessierten Öffentlichkeit geplant. Wir freuen uns auf Ihre und eure Teilnahme und Beiträge.
Ruhrerbe 2.0 – Zwischenfall Strukturwandel ist ein künstlerisches Forschungsvorhaben vom Institut für Widerstand im Postfordismus mit Elisa Müller und Jonas Leifert u. a. und wird gefördert von der Kunststiftung NRW.



